Die Grundlagen von Shiatsu: Ein Blick auf TCM und japanische Medizin

Eine wichtige Basis der Shiatsu-Arbeit findet sich in den Denkmodellen der fernöstlichen Medizin. In diesem Artikel gebe ich einen kurzen Überblick über die chinesische und die japanische Medizin und welchen Einfluss sie auf Shiatsu haben.

Chinesische Medizin

Der Begriff „TCM“ hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts in China etabliert und wurde auch politisch geprägt. Er beschreibt eine Zusammenführung verschiedener historischer Strömungen, die teilweise mehrere Tausend Jahre alt sind. Eines ihrer bis heute relevanten Schlüsselwerke ist das Huangdi Neijing („Innerer Klassiker des Gelben Kaisers“), etwa aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. In China selbst spricht man meist einfach von „chinesischer Medizin“ im Unterschied zur „westlichen Medizin“ – diese Begriffe verwende ich im Folgenden.

Was die chinesische Medizin so besonders und aus meiner Sicht so reizvoll macht, ist ihr Blick auf den Körper als zusammenhängendes System: Prozesse wie Atmung, Verdauung, Emotionen oder Denken werden nicht isoliert betrachtet, sondern als miteinander verbunden. Gesundheit entspricht einem Zustand von geordneten Beziehungen und Fluss. Krankheit entsteht, wenn dieser Fluss gestört, blockiert oder aus dem Gleichgewicht geraten ist. Symptome sind daher keine lokalen Probleme, sondern Ausdruck eines übergeordneten Musters, einer Disharmonie.

Die westliche Medizin arbeitet ebenfalls mit Zusammenhängen, geht jedoch meist analytisch vor: Sie untersucht einzelne Strukturen oder Prozesse möglichst genau und setzt sie anschließend wieder zu einem Gesamtbild zusammen. Die chinesische Medizin geht eher den umgekehrten Weg: Sie betrachtet zunächst das Gesamtbild und ordnet darin die einzelnen Aspekte ein.

Beispiel: Kopfschmerzen

In der westlichen Herangehensweise wird zunächst gefragt: Wo sitzt der Schmerz? Was passiert im Gewebe oder im Nervensystem? Gibt es konkrete Auslöser wie Verspannung, Entzündung oder Blutdruckveränderungen? Darauf aufbauend wird gezielt behandelt.

In der chinesischen Herangehensweise wird zusätzlich geschaut: Wann treten die Kopfschmerzen auf? Wie ist der Schlaf, die Verdauung, das allgemeine Befinden? Der Schmerz wird als Teil eines Gesamtzustands verstanden. Behandelt wird entsprechend nicht nur das Symptom, sondern das zugrunde liegende Ungleichgewicht.

Die theoretischen Grundlagen sind unter anderem vom Daoismus und Konfuzianismus geprägt. Wichtige Modelle sind Yin und Yang, Qi, die Fünf Wandlungsphasen sowie die Vorstellung von Organen als Funktionszusammenhängen. Im Zentrum steht dabei immer die Regulation von Gleichgewicht.

Die Methoden werden heute oft im sogenannten „5-Säulen-Modell“ zusammengefasst: Kräuter, Akupunktur, manuelle Verfahren (Tuina), Ernährung und Bewegung (z. B. Qi Gong).

Japanische Medizin

Die japanische Medizin ist im Westen weitaus weniger bekannt, einfach deshalb, weil sie in Japan eine vergleichsweise kleine Lobby hat. Sie ist aus der chinesischen Medizin in Japan hervorgegangen, was sich im Namen der Phytotherapieform Kampō („chinesisches Verfahren“) widerspiegelt. Die Prinzipien der chinesischen Medizin wurden in Japan weiterentwickelt und verändert: Sie ist stärker praxisorientiert, weniger komplex, standardisiert und betont die direkte Wahrnehmung noch stärker. Während die chinesische Medizin Befunde ausführlich einordnet, arbeitet die japanische Medizin oft unmittelbarer mit dem, was sich konkret zeigt, insbesondere über den Körper.

Beispiel: Kopfschmerzen

In der chinesischen Medizin werden verschiedene Hinweise (Zeitpunkt, Qualität, Begleiterscheinungen etc.) zu einem Gesamtbild zusammengeführt und entsprechend behandelt.

In einem japanischen Ansatz wird stärker direkt am Körper gearbeitet:
Wie fühlt sich der Nacken an? Wo ist Spannung tastbar? Wie reagiert der Bauch auf Druck? Wie verändert sich der Schmerz unter Berührung?

Die Behandlung entsteht unmittelbar aus diesen Befunden und passt sich im Verlauf an. Es wird weniger ausformuliert, sondern direkt mit dem gearbeitet, was sich zeigt.

Das ist natürlich ein vereinfachtes Beispiel. Doch das Pragmatische des japanischen Ansatzes wird vielleicht deutlich. Dies lässt sich in allen japanischen Ausprägungen der traditionellen Medizin beobachten: In der Kräutermedizin Kampō, der japanischen Akupunktur, die ein wenig feiner und wahrnehmungsintensiver als die chinesische Variante ist und in manuellen Verfahren wie Anma und dem daraus hervorgegangenen Shiatsu. Shiatsu hat einen viel wichtigeren Stellenwert im Medizinsystem Japans, was sich möglicherweise durch den grundsätzlich körperbezogeneren Ansatz in Japan erklären lässt.

Was heißt das für Shiatsu?

Das Shiatsu, was außerhalb Japans praktiziert wird, basiert meist auf dem Stil Shizuto Masunagas. Es ist geprägt durch direkte Wahrnehmung über Berührung, ist körpernah und pragmatisch.

Masunaga hat gleichzeitig Konzepte aus der chinesischen Medizin wieder aufgegriffen, das Meridiansystem erweitert um den ganzen Körper besser ansprechen zu können und hat Zusammenhänge stärker beschrieben. Die Denkmodelle der TCM fließen wieder mehr in die Arbeit ein, bleiben aber als Theorie hinter der Erfahrung. Sie sollen sie stützen und nicht lenken. So entsteht etwas Neues – vielleicht eine Art Brücke zwischen TCM und der japanischen Tradition.

Im Westen wird Shiatsu oft mit anderen Methoden kombiniert. Das kann sinnvoll sein, birgt aber die Gefahr, dass der ursprüngliche Charakter verwässert.

Was im Kern bleibt, ist für mich die Essenz von Shiatsu: ein gemeinsamer Raum zwischen Behandler und Klient*in, in dem Bewegung, Veränderung oder auch einfach Ruhe entstehen kann.

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