Manchmal merkt man es erst mittendrin: Man ist schon wieder am Machen, ein Punkt auf der Liste folgt auf den nächsten. Fühlt sich irgendwie auch gut an, dieser Stress, man kriegt einiges erledigt, aber irgendwann schleicht sich der Gedanke ein: Eigentlich wäre es angebracht, jetzt mal einen Gang zurück zu schalten. In die Stille zu gehen.
Oder andersrum: Man ist in der Stille, lässt die Dinge ihren Lauf nehmen und spürt gleichzeitig: Da ist was, was drängt, was raus will. Aber dafür müsste man ins Tun kommen, das passiert eher nicht von alleine.
Und nun?
Holz
Wie fühlt es sich an, wenn wir im Antrieb sind und wenn es sich gut anfühlt? Nicht, wenn es bereits zu viel ist. Wir machen Pläne und haben Lust, sie umzusetzen. Wir möchten wachsen: Kinder auch ganz physisch, die Erwachsenen eher innerlich. Auch den inneren Drang nach Wachstum können wir fühlen, im Körper. Klient*innen beschreiben es so: Energie, die nach oben geht. Wie eine stabile, aufrechte Säule in der Körpermitte. Leichtes Kribbeln. Geschwellte Brust. Aufrichtung. Es zieht mich regelrecht nach vorne.
Die chinesische Medizin hat dafür ein gutes Bild gewählt: Holz. Der Bambus, biegsam, gleichzeitig so stabil und stark, dass er selbst durch Beton nach oben schießt. Das passiert nicht langsam, sondern schnell.
Ohne Wachstum und Entwicklung gäbe es kein Leben. Oder besser: keine Lebendigkeit. Dafür brauchen wir die Fähigkeit zur Anspannung, körperlich und innerlich.
Wasser
Und wie fühlt es sich an, wenn wir zur Ruhe kommen? Kontemplation, Zulassen von Stille, Winterruhe. Klient*innen sagen dazu: Eine Etage tiefer rutschen, Sinken, Erdung, satter Kontakt zum Boden. Die Bewegung geht nach unten. Ohne irgendwas zu müssen. Nicht, um aufzutanken und um dann noch mehr zu leisten, sondern als eigenständige Qualität, ohne Zweck und ohne Sinn.
Das Bild der chinesischen Medizin: Wasser. Nicht starr, Wasser ist im Fluss, aber ruhig und tief. In dieser Tiefe liegt eine ruhige Kraft, die keine Anstrengung braucht. Hier finden wir den Ursprung der Geduld, die auch alle anderen Wandlungsphasen beeinflusst.
Wie wichtig ist es für uns, regelmäßig zur Ruhe zu kommen. Und zwar ohne Ziel und Zweck. Einfach Sein. Auf die Spitze getrieben in meditativen Schulen wie zum Beispiel dem Zen. Alles ist gut und richtig, wie es ist. Oder sogar: Es gibt weder gut noch falsch, es ist einfach. Das ist nicht passiv und verleitet auch nicht zu Tatenlosigkeit – es ist eine bewusste Haltung, aus der authentische Aktivität überhaupt erst möglich wird.
Die Spannung
Die Wandlungsphasen sind entstanden aus aufmerksamer Beobachtung der Natur. Und weil wir Menschen Teil dieser Natur sind, finde ich das Schöne an der TCM, dass sie das Menschsein in all seiner Fülle beschreibt. Beides gehört zu uns dazu: Der Antrieb wie die Stille.
Schaut man sich unsere heutige Zeit an, könnte man meinen, es gehe nur um Antrieb: höher, schneller, weiter. Das andere Extrem wäre die Abkehr ins Spirituelle: Rückzug ins Kloster, nur noch meditieren oder sich zumindest gar nicht mehr einem Leistungsgedanken aussetzen. Nicht mit den Chinesen: Es braucht beides. Keine Qualität ist besser als die andere, keine ist dauerhaft. Wenn wir die Anspannung brauchen, dann müssen wir auf sie zugreifen können. Wenn wir die Ruhe brauchen, müssen wir sie uns nehmen können. Das wäre ein gesundes Spiel, ein Geben und Nehmen. Das ist der Beat, der Rhythmus (zusammen mit den anderen Wandlungsphasen).
Und Zen würde hier sagen: Einfach sein. Tun, was getan werden will. Sitzen, wenn gesessen werden will.
Shiatsu, Holz und Wasser
Im Shiatsu nehmen wir einfach erstmal wahr, was der Körper zeigt. Mir begegnen Themen im Holz und Wasser oft in der Praxis. Viele von uns haben, wie bereits erwähnt, mit hoher Anspannung im Alltag zu tun. Das aktive Holz zeigt sich im Körper: Verspannungen, Kopfschmerzen, Reizbarkeit. Das kann man spüren: im Muskeltonus, in der Stimmung im Raum. Und ohne Pausen, ohne die Kraft aus dem Wasser, kippt das Wasser irgendwann in Richtung Erschöpfung, Rückzug, Schwere. Keine Reserven mehr da. Schmerzen im unteren Rücken.
Es geht im Shiatsu nicht darum, das Holz zu verringern oder das Wasser zu stärken. Es geht darum, wahrzunehmen, was gerade da ist und dem Körper Raum zu geben, sich selbst zu sortieren. Manchmal reicht das schon: Der Körper weiß, was er braucht, wenn er einen Moment lang nicht funktionieren muss.
Das Pendel
Der Wechsel zwischen Tun und Sein ist kein Versagen, er ist der Rhythmus selbst. Die chinesische Medizin hat dafür ein Modell, aber das Pendel kennt jeder aus eigener Erfahrung.
← Zurück zum BlogFragen? Einfach melden.
Oder direkt einen Termin buchen - das Erstgespräch ist kostenlos.
Jetzt buchen