Vor kurzem kam eine Klientin in meine Praxis mit chronischen Beschwerden im Nacken. Es war ihr erstes Mal Shiatsu. Sie liegt also auf dem Futon und ich fange erstmal an der Hüfte an zu arbeiten und merke, wie sie langsam unruhig wird: Wann kommt er denn nun zum Nacken?
Was Schmerz am Ort bedeuten kann und was nicht
Auf der mechanischen Ebene sind viele von uns prädestiniert für Nackenbeschwerden: Wir sitzen zu viel und schauen auch noch mit gebeugter Haltung aufs Smartphone. Die Brustmuskulatur ist verkürzt. Wir atmen flach aufgrund unserer gebückten Haltung oder das Zwerchfell ist angespannt. Die Hüftbeuger ziehen nach vorne. Alles zieht die Körpervorderseite zusammen. Der Nacken sitzt am Ende der Kette und muss das kompensieren. Irgendwann tut er weh.
Auf der Ebene des Nervensystems erhöht Dauerstress und Anspannung den Grundtonus der Muskulatur. Das passiert nicht nur bei echter Gefahr, sondern auch bei chronischem niedrigschwelligem Stress: Deadlines, voller Posteingang, ständiger Blick zum Smartphone. Es ist manchmal so subtil, dass viele von uns das gar nicht mehr wahrnehmen. Aber der Körper ist im Sympathikus-Modus und er ist angespannt. Weil er bereit sein will. Das bedeutet: Selbst wenn die Haltung sich verbessert, bleibt der Tonus erhöht, solange das Nervensystem im Alarmzustand ist. Und umgekehrt: wenn der Parasympathikus aktiviert wird – was Shiatsu zuverlässig tut – lässt der Grundtonus nach. Weil der Körper aufhören kann, sich ständig zu schützen und zu aktivieren.
Warum ich oft woanders anfange
Ich fange oft am Bauch an. Dort sitzt manchmal viel Spannung, die sich auch auf andere Bereiche überträgt. Ich finde hier aber auch viele Informationen über dein gesamtes System. Die Befundung und Behandlung des Bauchs (jap. Hara) hat eine lange Tradition im japanischen System. Wie alles im Shiatsu ist das aber kein Must-Have – es kommt immer darauf an, was dein Körper heute mitbringt.
Oder ich arbeite erstmal an den Hüften. Zwischen den Schulterblättern. Vielleicht beginne ich sogar an den Füßen. Oft stellen sich weit entfernte Bereiche als total wichtig heraus, damit die Verspannungen etwas loslassen können. Nicht selten spüren Klient*innen: Wow, das zieht jetzt aber bis in den Nacken hoch. Oder: Verrückt, wie weit ich diese Berührung im Körper spüren kann. Oder: Ich habe mit was ganz anderem gerechnet, aber hier, der eine Punkt am Arm war total wichtig für meinen Nacken, ich konnte richtig spüren, wie sich dort was löst. Das ist manchmal schwer zu beschreiben und hochindividuell. Und manchmal stellen Klient*innen nach einigen Sitzungen fest, dass der Nacken gar nicht mehr so im Vordergrund steht. Nicht weil er vergessen wurde, sondern weil sich der Blick auf den ganzen Körper verschoben hat.
Was Shiatsu grundsätzlich ausmacht →
Den Ort des Schmerzes beziehe ich übrigens immer mit ein. Außer, es ist dort gar nicht möglich zu arbeiten, weil es weh tut. Aber selbst dann kann Shiatsu wunderbar helfen, weil es die Möglichkeit gibt, indirekt mit Körperstellen zu arbeiten.
Was Massage macht – und wo sie aufhört
Massage stellt die Frage: Wo tut es weh? Und widmet sich explizit diesem Bereich. Bei akuten Verspannungen zB nach körperlicher Arbeit oder nach dem Sport ist das manchmal genau richtig. Da ist die Ursache lokal und temporär. Direkte Arbeit am Gewebe kann das lösen. Die Durchblutung wird angeregt, der Muskeltonus wird durch die Berührung gesenkt und das Fasziengewebe wird kurzfristig weicher und gleitfähiger.
Die klassische Massage beantwortet einfach eine andere Frage, nämlich: Was braucht der akut verspannte Bereich jetzt? Wie löse ich die Spannung? Shiatsu fragt zusätzlich: Warum ist die Spannung da, womit hängt sie zusammen? Es wirkt potenziell tiefer und nachhaltiger.
Massage löst die Spannung lokal. Shiatsu gibt dem Nervensystem zusätzlich das Signal, dass es loslassen darf.
Mehr zum Unterschied von Shiatsu und Massage →
Was das für chronische Beschwerden bedeutet
Wenn deine Nackenbeschwerden also durch lokale Arbeit nicht verschwinden, hast du vermutlich eher mit einem Muster als einem akuten Problem zu tun. Die direkte Arbeit kann das Muster nicht lösen. Sie unterbricht es kurz. Darum gehen Leute jahrelang zur Massage und die Schmerzen kommen trotzdem immer wieder.
Und ehrlicherweise kann ich nicht versprechen, dass Shiatsu das Muster löst – zumindest nicht sofort. Es braucht oft ein wenig Zeit, gerade, wenn das Muster seit Jahren besteht. Es ist ein Weg und der birgt Potenzial, einiges über sich selbst zu lernen.
Zurück zur Klientin vom Anfang
Die Klientin vom Anfang hat sich auf die Reise eingelassen. Ihr Nacken fühlte sich nach der ersten Sitzung schon viel freier an. Es war ein anderes Freiheitsgefühl als nach einer intensiven Massage. Irgendwie sanfter, leichter. Ich habe in der Sitzung auch am Nacken gearbeitet, aber die Arbeit an der Hüfte war fast wichtiger. Die Klientin kam noch einige Male zu mir. Sie kommt immer noch. Die Nackenbeschwerden sind verschwunden. Der Nacken ist nicht mehr so wichtig. Sie entdeckt nun andere Dinge.
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