Erstverschlimmerung im Shiatsu: Wenn es stärker wird, bevor es nachlässt

Im Shiatsu und in anderer Körperarbeit gibt es manchmal das Phänomen, dass Gewebe, mit dem gearbeitet wurde, im Laufe des Tages oder am Folgetag der Behandlung empfindlicher reagiert, sich dann aber wieder entspannt. Oder dass sich eine Verspannung, mit der ich gearbeitet habe, erst verschlimmert, bevor sie sich dann ganz löst. Ich möchte dir kurz beschreiben, was aus meiner Sicht hier passiert.

Erstverschlimmerung

In diesem Zusammenhang spreche ich von Erstverschlimmerung. Der Begriff kommt eigentlich aus der Homöopathie. Dort ist er Teil der Lehre selbst: Die Erstverschlimmerung der Homöopathie zeigt, dass das Mittel auf der richtigen Ebene wirkt.

Ich beschreibe damit etwas anderes: Was im Gewebe und im Nervensystem passiert, wenn der Körper sich nach einer Behandlung kurz neu sortiert.

Im Gewebe

Ein großer Teil unseres Körpers besteht aus Bindegewebe, dazu zählen auch Knochen, Knorpel, Sehnen, Bänder und Faszien. Auf Druck und Dehnung reagiert das Bindegewebe mit einer kurzen Reizung, wie manchmal nach dem Sport auch. Neuere Faszienforschung vermutet, dass das, was wir Muskelkater nennen, näher am Bindegewebe (Faszien) sitzen könnte, als am Muskel selbst. Es könnte also auch ein kleiner Muskelkater (oder Faszienkater) sein.

In der Spannung

Das zweite Phänomen ist auch interessant: Warum wird eine Verspannung kurz stärker spürbar, bevor sie sich löst? Ich vermute, dass die Spannung auch vorher da war, du sie aber möglicherweise nicht so deutlich wahrnehmen konntest – weil einfach andere Sachen deine Aufmerksamkeit beansprucht haben. Im Shiatsu arbeite ich viel mit Interozeption, der Eigenwahrnehmung des Körpers, dem Spüren. Und da, wo mehr Aufmerksamkeit hinfließt, nimmt man auch mehr wahr.

Konkreter: Wenn dein Nervensystem eher angespannt ist (Sympathikus), sind vielleicht andere Sachen wichtiger als die Verspannung im Nacken. Wenn du chronisch in einer leichten Aktivierung bist, blitzt der Schmerz sicher mal durch, aber er ist vielleicht nicht das Wichtigste für dein Nervensystem.

Wird im Shiatsu nun der Parasympathikus angesprochen und du kommst zur Ruhe, hat der Nacken (oder wo auch immer die Spannung sitzt) genug Raum, sich zu zeigen. Der Schmerz scheint stärker zu werden.

Anderes Beispiel, was wahrscheinlich die allermeisten kennen: Lange Durststrecke auf der Arbeit vor dem Urlaub, endlich frei. Erstmal krank werden. Ähnliches Phänomen: Der Organismus kann den Schutzschild runterfahren und hat endlich mal Zeit, krank zu werden. Der schöne Fachbegriff lautet „Leisure Sickness“. So ähnlich könnte man auch auf die Erstverschlimmerung im Shiatsu blicken, nur, dass sie in der Regel wesentlich kürzer ist.

Was normal ist, was nicht

Normalerweise sollte so ein Zustand nach einer Shiatsu Behandlung nicht lange andauern, maximal 48h. Die Phänomene sind meist eher subtil, ich habe aber auch schon erlebt, dass Klient*innen von teils heftigen Erstverschlimmerungen berichtet haben, die aber schnell wieder abgeklungen sind. Sehr oft hatten sich die ursprünglichen Beschwerden gelöst oder stark verbessert.

Sollte es länger als 48h dauern, melde dich wieder bei mir. Dann schauen wir, was dir helfen kann.

Ohne Wertung

Die Erstverschlimmerung im Shiatsu, so wie ich sie verstehe, macht wie in der Homöopathie etwas sichtbar, ist aber nicht zwingend notwendig und auch kein Indikator dafür, ob etwas wirkt oder nicht. Manchmal sind Veränderungen „dramatischer“ und manchmal sehr subtil – ohne Wertung. Wir schauen uns einfach an, was passiert. Und manchmal passiert nichts. Das ist auch ok.

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